DICHTERKREIS JAGDLYRIK

DEUTSCHLAND . ÖSTERREICH . SC​HWEIZ

Für Alfred Bruske, den verstorbenen Jagdfreund
André Knipp

Vater ist tot   

Ich komm ins Haus, 
hör den Schlag der alten Uhr. 
Sein Hut und Mantel 
hängen dort im Flur. 
Und gegenüber an der Wand in Reihe, 
drei seiner besten Hirschgeweihe. 
Ich stell dem Herrgott keine Fragen. 
Er geht voraus 
wie früher schon beim Jagen. 

Der junge Waldkautz 
Alfred Bruske    


Ich ging im Walde so für mich hin, 
mich selbst zu finden, das war mein Sinn. 
Da kam vom Baum ein Kobold geflogen, 
der hat mir den Hut vom Kopfe gerissen. 
Als ich mich bückte den Hut aufzuheben, 
saß da mit großen Augen ein Federknäul daneben. 
Die Waldkauzmutter fing an, mich zu vertreiben 
vom Jungen, das nicht im Nest wollt bleiben. 

Märztag
Stefan Schulze Beiering   
  

Die Magnolie blüht in voller Pracht, 
Forsythien leuchten gelb in klarer Luft. 
Das ist der März, vorbei des Winters Gruft. 
Ans Licht! Die Welt wird neu und schön gemacht.

Die Stare sind schon da, putzmunter, flink. 
Die Dohlen tummeln sich in ihrem Schwarm. 
Der Tag ist lang schon und die Sonne warm, 
der Himmel morgens rosa, zart und zink,

Und abends auch. Mein Hund fand eine Gans,
die abgemagert schwach am Ufer lag, 
denn auch an diesem schönen Frühlingstag 
stirbt Leben. Und das Ganze ist ein Tanz. 

Wildzählung 
Zora Debrunner    

Sie fuhren hinaus in der Kälte der Nacht. 
Hingen sich aus den Fenstern.

Kurve für Kurve. 
Immer weiter den Berg hinauf.

Die Scheinwerfer in den Händen.
Schreibblock auf den Knien.

Manchmal wurde ihnen übel. 
Einer kotzte. Sie lachten kurz.
 
Sie hielten Ausschau nach Augen in der Nacht.
Über ihnen Orions Gürtel. 

Die Hubertuslegende
Markus Meier   

Sein Namenstag erinnert an die Legende
und an Huberts radikale Wende 
vom maßlosen Streben 
zum gottgefälligen Leben.

Das Vermächtnis soll die Jäger lehren,
den Schöpfer im Geschöpf zu ehren
und zu allen Tagen
weidgerecht zu jagen.

Das walte St. Hubert! 

Andacht in der Frühe
Olivier Theobald

Kurz bevor der Morgen erwacht,
verschwinden zuerst die Nonnen.
Später, wenn schüchtern das Licht schon lacht,
die Sonne hat noch nicht gewonnen,

vielleicht hast du das große Glück,
einen Mönch beim Kirchgang zu sehen,
an einer Kanzel vorbei,
zurück zu den schattigen Alleen – 

Rundumsicht
Stefan Renner  

Diana, fesch gedresst im grünen Rock,
steht auf eines Baumes morschem Stock.
Rundumsicht will sie sich verschaffen,
auch wenn die andern Maulaff gaffen.

Erwartungsvoll steht sie da oben,
derweil im Dickicht Treiber toben.
Ein Fuchs kommt passgenau geschnürt,
zum Schützenkönig Diana nun sich kürt.

 Ein Schuss und leer ist unser morscher Stock.
Wo ist sie nur, in ihrem jägergrünen Rock?
Ein Jäger fand sie arg zerknittert,
in eine Grube war sie abgeschlittert. 

Jagdhelfer
Ottokar G. E. Wagner

Der Blatter schweigt.
Die Spannung steigt.
Nur eine dürre Geiß sich zeigt.

Der Mörderspießer,
ein richtig fieser,
frag mich: Wo ist er?

Doch in der Nacht,
da hat’s gekracht.
Ein Auto ihn zur Strecke bracht. 

Wunderwelt
Andre Knipp


Schau, was die Natur lässt wachsen,
lauter Wunder dieser Welt,
dann gibt es vom Mensch geschaffen,
nichts, was besser dir gefällt.  

Ehrende Geste
Hans Milles
 


Der Ehrfurcht stilles Zeichen, sacht 
Als grünes Blatt vom Baum gebrochen, 
Ein Erinnern hierin treulich wacht, 
So dem Wild das End gebracht, 
Im Geist der Jagd, wie versprochen.  

Die Sprache der Stille
Cäcilia Höferer   


 Wenn Morgenrot die Wiesen küsst,
Ehe Angelus den Tag begrüßt,
Spricht leis zu mir des Waldes Stimme,
Die Welt steht still, ich halte inne.

Ein Reh verhofft im goldnen Licht,
Sein Blick berührt mein Angesicht.
Kein Laut, kein Schuss, nur stilles Sein,
Und über uns der Sterne Schein.
 
Die Stille spricht in jedem Blatt,
Im kleinen Bach vom Regen satt,
Aus knorren Bäumen, altem Stein,
Aus Vogelsang im Dornenhain.
 
Die Stille spricht nicht kalt und leer, 
Wer hören kann, der spürt, sie wär 
Die Sprache, die uns heilen kann. 
Lass es geschehen, glaub daran! 

(Schwarze) Jagdpassion 
Bruno Maurer     

Auf dem Weg zum Entenstrich, 
gibt’s dem Heiner einen Stich, 
da vorne quert, er sieht’s im Glase, 
ein Begräbniszug die Straße.

„Wir kehren um“, sagt er zu Fritz, 
blickt sich um und nimmt Notiz, 
dass dieser dasteht, leicht gealtet, 
die Hände zum Gebet gefaltet.

Der Heiner staunt und glaubt es kaum, 
„Mein lieber Fritz, halt dich im Zaum, 
spiel hier nicht, was du nicht bist, 
du warst noch nie ein guter Christ“.

„Mag sein“, sagt Fritz, „doch immerhin, 
liegt in dem Sarg mein Frauchen drin; 
da darf man schon ein wenig klagen, 
jetzt komm, wir müssen Enten jagen“. 

Der Sommer macht die Augen zu 
Peter Wilz


Der Sommer macht die Augen zu. 
Die Hitze legt sich sacht zur Ruh. 
Der Herbst kommt über Nacht .
 
Die farbig bunten Blätter fallen. 
Weiße Nebelwolken wallen. 
Der Herbst zeigt seine Pracht. 

Vergebliche Pirsch 
Hubert Schupp     

Nebelstille liegt über’m schilfumsäumten Entenwasser,
wo letzter Märzenschnee der Sonne trotzt. 
Nur einsamer Krähenruf erklingt von fern. 
Da – der rote Schleicher! Reineke gelüstet nach Beute. 
Doch zu spät. Der wachsamen Breitschnäbel Protest verklingt am Himmel. 

Was uns Jäger so bewegt
Hermann Knoblich


 Den Wald gepflegt,  
das Wild gehegt, 
Pirschwege ausgeschnitten 
und gesägt,
Brachflächen gerodet, 
neue Wildäcker angelegt, 
sind vier von vielen  
hundert Dingen, 
was uns Jäger so bewegt.

Der Klimawandel, 
der uns längst beschieden, 
macht uns Sorgen, 
nicht erst seit gestern.
Heute, mit dem Blick auf morgen,
hadern wir, 
mit dem sogenannten Gegensteuern 
sind wir keinesfalls zufrieden. 

Der Blick aufs Ganze,  
kein Tunnelblick, 
er kennt das Alte, 
prüft das Neue. 
Staunt bisweilen 
ob der Geschwindigkeit, 
Jagdzeitvorverlegung, 
Nachtzielgeräte, Wolfsbejagung, 
alles fast zur selben Zeit.
 
Das Zusammenwirken von Interessen,
Freizeitverhalten,  
Schutz der Natur,
Jagd und Forst,  
lässt sich nicht immer  
mit Erfolgen messen.  
Ausverkauf geschützter Flächen 
wirkt auf Birkhuhn, Hirsch und Gams,  
wird sich früher oder später rächen.

Was uns Jäger so bewegt 
ist hundertmal mehr  
als das, was in der Zeitung steht! 

Ich heiße Linde 
Christan Knopf 

Erkennst Du mich, ich heiße Linde,  
die Äste streck ich seitlich aus, 
wenn ich genügend Freiraum finde 
im Hof und auch zum Nachbarhaus.
 
Ich spende Schatten und ich kühle, 
verdunste Wasser und mein Laub 
erzeugt den Sauerstoff, ich fühle 
– wird auch mein Saft der Läuse Raub –

mich wertvoll so im Großen, Ganzen, 
die Schreiner nutzen gern mein Holz, 
die Menschen kommen her zum Tanzen. 
Da bin ich schon ein wenig stolz.
 
Im Herbst ergeht es mir wie allen 
Laubbäumen in des Jahres Lauf: 
Ich lasse meine Blätter fallen 
(dann kommt jemand und hebt sie auf).
 
Dasselbe gibt es mit den Blüten 
und Früchten früher schon im Jahr 
im Zeitraum, wenn die Vögel brüten 
und auch danach (das ist doch klar).
 
Doch gibt es keinen Grund zu greinen, 
dass Laubfall etwas Schlimmes sei! 
Weiß nicht, warum das viele meinen.  
Zumindest etwas hart erscheinen  
Bezeichnungen wie „Sauerei“. 


Die Spinne
Marcel Notter

Eine Honigbiene verfängt sich im Netz der Spinne.
Die Spinne naht.
Sie kommt zur Honigbiene, die wild zappelt.
Soll ich einschreiten? 
Ein kurzer Kampf. 
Die Biene befreit sich, fliegt davon. 
Die Spinne kehrt um an den Ort, woher sie kam.
Ich bin nicht eingeschritten. 
Die Spinne hat wohl die Biene befreit. 

Herbstwunder  
Heribert Theis
    


Gleich einem Licht der Herrlichkeit 
Strahlt das Sonnenlicht hervor 
Am Horizont, der noch sehr weit 
Durch die nebelträchtige Flur 
Wie mit magisch starker Kraft 
Durchbricht’s die dichte Nebelwand 
Was sonst kein Licht auf Erden schafft 
Dazu ist Sonnenlicht imstand 
Nicht lang, dann ist des Nebels Grau 
Verbannt, durch Farbenpracht ersetzt 
Glitzernd grüßen Morgentau 
Und herbstlich bunte Bäume jetzt 
Das Bild, das diesen Morgen ziert 
Was Aug und Seele reichlich freut 
Für manche gar zum Wunder wird 
Sagt: So schön kann sein des Herbstes Zeit 

Jungfalkner  
Anja Delander     

Als Falkner steck ich noch im Jugendkleid 
Denn an Erfahrung fehlt es mir soweit  
Doch meine Träume sind so weit 
Wie die Schwingen eines Adlers breit 
Dort hab ich längst einen Habicht aufgestellt  
Und uns zwei Frettchen beigesellt 
Wo die Jagd sonst ruht sind wir waidwerken 
Weil lautlos Jagen ist von des Falkners Stärken